
Wie groß Chicago ist, erlebten wir bei unserem Besuch 2010 immer wieder neu: zwischen Straßenschluchten, im Spiegelbild polierten Stahls und beim Blick aus dem 103. Stock. Mit unseren eigenen Fotos und unserem Film zeigen wir die Orte, die wir erkundet haben.
In Chicago wanderte unser Blick immer wieder nach oben. Beim Spaziergang durch die Innenstadt standen ringsum Hochhäuser in den Flächen zwischen den Straßen; am Fluss öffnete sich die Sicht entlang des Wassers. Die Gebäude begegneten uns im Millennium Park erneut, diesmal gespiegelt auf der gewölbten Oberfläche von Cloud Gate. Für einen noch viel weiteren Überblick fuhren wir außerdem auf den Willis Tower.
Unsere Wege führten durch das Zentrum, am Chicago Theatre und den bronzenen Löwen vor dem Art Institute vorbei, in den Millennium Park und den Grant Park sowie hinauf zum Skydeck Chicago. Neben der Architektur als großer Kulisse blieben auch die kleinen Dinge wichtig: das Zifferblatt einer Uhr, die Rundung eines Balkons oder ein Gesicht, das auf einem Brunnen erschien.
Unser Besuch auf einen Blick
Reiseziel
Chicago, Illinois, USA
Reisejahr
2010
Zu Fuß unterwegs
Innenstadt, Kunst im öffentlichen Raum, Parks und Fluss
Über der Stadt
Skydeck Chicago im 103. Stock des Willis Tower
Auf dieser Seite
Unser FilmStraßen der InnenstadtTheater & Marina CityCloud GateCrown FountainGrant ParkMichigan AvenueChicago RiverSkydeck ChicagoMichiganseeUnsere Erinnerungen
Unser Reisefilm aus Chicago
Straßen, Parks, Fluss und der Blick von oben kommen in unserem Film zusammen. Die Szenen erhalten darin Bewegung – in den wechselnden Spiegelungen ebenso wie im Wasser der Brunnen.
Der Blick nach oben in der LaSalle Street
Zwischen den Häusern gab es in Chicagos Innenstadt ebenso viel zu entdecken wie an den Bauten selbst. Mal wirkte eine lange Straße wie ein Bilderrahmen um einen Turm, mal öffnete sich an einer Kreuzung oder Brücke unvermittelt ein weiterer Ausblick. Ob wir geradeaus oder nach oben sahen, veränderte den Eindruck desselben Ortes deutlich.
Besonders klar zeigte sich das in der LaSalle Street. Den Abschluss ihres langen Straßenraums bildet das Chicago Board of Trade, dessen gestufte Silhouette einen markanten Blickpunkt setzt. Auf dem Weg dorthin vermitteln die umstehenden Häuser ein Gefühl räumlicher Enge und lenken den Blick auf den Turm in der Mitte.
Der Bau nach einem Entwurf von Holabird & Root wurde 1930 fertiggestellt: Das Chicago Board of Trade zählt zu den bedeutenden Wahrzeichen des Art déco. Seine senkrechten Linien und die nach oben zurückgesetzten Gebäudeteile kommen im Blick entlang der LaSalle Street besonders zur Geltung. Vom Gehweg aus betrachtet, gehört die ganze Straße zu diesem Bild.
Das Chicago Theatre und die Rundungen von Marina City
Mit dem Chicago Theatre begegnete uns eine andere Art von Wahrzeichen. Über der State Street macht sein senkrechtes Schild auf sich aufmerksam; der Name der Stadt verläuft daran die Fassade hinab. Zwischen all den Türmen und Bürofronten ist dieser Schriftzug sofort zu erkennen.
Schon der Eingang und die Beschilderung vermitteln von außen ein weiteres Kapitel des Lebens in der Innenstadt: Chicago ist auch ein Ort der Unterhaltung, neben seiner Rolle als Geschäftszentrum. Das Theater wurde 1921 eröffnet.
Am Fluss fügt Marina City der Skyline wieder eine andere Form hinzu. Reihen gerundeter Balkone umziehen die beiden runden Türme und geben ihnen einen unverwechselbaren, fast wellenförmigen Umriss. Gerade vor den geraden Kanten der Nachbargebäude fällt diese Wiederholung ins Auge.
Wohnen und Arbeiten im Zentrum zu verbinden, war die Idee, mit der Architekt Bertrand Goldberg Marina City entwarf. Wohnungen, Parkmöglichkeiten und weitere Nutzungen kamen in der während der 1960er-Jahre gebauten Anlage zusammen. Ihre Form macht dieses Nebeneinander sichtbar.
Cloud Gate: die Skyline im gewölbten Spiegel
Im Millennium Park sahen wir die umgebenden Gebäude noch einmal auf andere Weise. Auf der polierten Fläche von Cloud Gate, meist the Bean genannt, treffen Stadtsilhouette, Himmel und Menschen ringsum zusammen. Vertraute Geraden biegen sich zu Kurven, als legte sich die Stadt um die Skulptur herum.
Obwohl das Objekt fest und unbewegt ist, wirkt seine Oberfläche beinahe flüssig. Für diese ungewöhnlichen Spiegelungen sorgen die runde Form und die konkave Unterseite von Anish Kapoors Edelstahlskulptur, die für den Millennium Park geschaffen wurde.
Faszinierend ist vor allem, wie stark der Standort das Bild verändert. Einmal füllen hauptsächlich Häuser den Spiegel, von einer anderen Seite nehmen Himmel und Menschen mehr Raum ein. Der Umriss der Skulptur bleibt schlicht, während ihre Oberfläche ständig ein neues Bild zeigt.
Dass sich Menschen direkt neben den Gebäuden spiegelten, gab der Skyline für uns einen menschlicheren Maßstab.
Auch fotografisch lohnt sich mehr als eine Aufnahme: Mit einem weiten Ausschnitt lässt sich die Skulptur im Park verorten, aus der Nähe treten die Verzerrungen im Stahl hervor.
Gesichter und Wasser an der Crown Fountain
Bei der Crown Fountain lernten wir im Millennium Park eine weitere Form von Kunst im öffentlichen Raum kennen. Statt der gespiegelten Stadtsilhouette stehen hier die Gesichter von Einwohnern Chicagos im Mittelpunkt, die auf zwei Türmen aus Glasbausteinen erscheinen.
Mit dem Brunnen gab Jaume Plensa 2004 der alten Vorstellung wasserspeiender Figuren eine zeitgenössische Gestalt. LED-Bildschirme und Wasser verbinden die Porträts mit dem Raum zwischen den Türmen. Sobald das Wasser auf Höhe des Mundes austritt, wird das gezeigte Gesicht selbst zum Teil des Brunnens.
Gesichter gewöhnlicher Menschen in dieser Größe wirken auf wunderbar unmittelbare Weise. Umgeben von den harten Oberflächen und großen Baukörpern der Innenstadt wird ein Lächeln oder ein veränderter Ausdruck zum eigentlichen Ereignis.
Grant Park und Buckingham Fountain
Im Grant Park bekam unser Besuch mehr Raum zum Durchatmen. Rund um die Buckingham Fountain ließ sich das Wasser zusammen mit den Skulpturen und der umgebenden Stadt als Ganzes betrachten.
Anders als die Crown Fountain ist dieser Brunnen Teil einer stärker formalen Komposition. Übereinander angeordnete Becken und Bronzedetails rahmen das in der Mitte aufsteigende Wasser. Entscheidend ist dabei die Weite ringsum: Der Brunnen behauptet sich in einer offenen Landschaft und steht nicht eingezwängt zwischen Häusern.
Kate Buckingham stiftete die 1927 eingeweihte Buckingham Fountain zum Gedenken an ihren Bruder Clarence. In ihrer Gestaltung steht sie für den Michigansee. Vier Gruppen bronzener Seepferde verkörpern die vier Bundesstaaten an seinen Ufern.
So erhält der Schmuck des Brunnens einen nachvollziehbaren Bezug zum Ort. Der See begleitet Chicago als Teil seiner Umgebung durch den ganzen Besuch; hier begegnet er uns als Skulptur. Betrachtet man den Brunnen im Park, verbindet sich die formal gestaltete Stadtlandschaft mit der viel größeren Wasserfläche in der Nähe.
Michigan Avenue: Löwen, Uhrturm und Stahlstreben
Auf der Michigan Avenue lagen einige der bekanntesten Motive direkt auf Straßenniveau. Dazu gehören die bronzenen Löwen vor dem Art Institute of Chicago: Zu beiden Seiten des Eingangs stehen die mächtigen Figuren und entfalten vor der Museumsfassade eine starke Präsenz.
Der Museumseingang wird durch die von Edward Kemeys geschaffenen und 1894 aufgestellten Löwen selbst zu einem Wahrzeichen.
Entlang der Avenue und in Flussnähe zeigte die Architektur an anderen Stellen eine viel größere Formenvielfalt. Leicht herauszuerkennen waren die helle Fassade und der Uhrturm des Wrigley Building. Das Anfang der 1920er-Jahre errichtete Gebäude ist mit glasierter Terrakotta verkleidet; dadurch wirken seine Flächen anders als die der umliegenden Glastürme.
Eine weitere hohe Glasfassade am Fluss brachte der Trump Tower ins Bild. Weiter nördlich erkannten wir das John Hancock Center an den dunklen Diagonalen seiner Außenseiten. Die riesigen X-Formen machen den Bau selbst in einer weit gefassten Skyline ungewöhnlich leicht identifizierbar.
Hinter den sichtbaren Diagonalen steckt eine konstruktive Aufgabe: Die X-Verstrebungen des Hancock gehören zu seinem Tragwerk, das durch die Arbeit des Architekten Bruce Graham und des Ingenieurs Fazlur Khan entstand. Sie helfen dem Turm, seitlichen Kräften wie Wind standzuhalten.

Chicago River: der Fluss und seine beweglichen Brücken
Wie eng die Innenstadt mit dem Wasser verbunden ist, sahen wir besonders deutlich am Fluss. Beim Überqueren einer Brücke öffnet sich zwischen den Häusern ein langer Blick mit dem Fluss im Vordergrund. Hochhäuser, die vom nahen Gehweg aus dicht gedrängt wirken, lassen sich von dort leichter einzeln unterscheiden.
Zum Flussbild gehören auch die Brücken. Ein alltäglicher Verkehrsbedarf wird in Chicago zum unverwechselbaren beweglichen Teil der Landschaft: Bei den Klappbrücken übernimmt ein mit Gegengewichten ausbalancierter Mechanismus das Anheben. Die Fahrbahnflügel schwenken nach oben und werden dabei von schweren Gewichten ausbalanciert, damit entsprechende Schiffe passieren können.
Die technische Geschichte des Flusses reicht weiter zurück. Mit der Eröffnung des Chicago Sanitary and Ship Canal 1900 kehrte sich die Fließrichtung des Chicago River um. Dadurch ließ sich Abwasser vom Michigansee wegführen, aus dem die Stadt ihr Trinkwasser bezieht.
Durch solche Einzelheiten wurde der Fluss für uns zu mehr als einer Lücke zwischen Hochhäusern. Er erfüllt Aufgaben in der Stadt und ist von den Verkehrsbedürfnissen und dem umgebenden Chicago geprägt. Auf unserem Spaziergang brachte er zugleich einen willkommenen Perspektivwechsel und eine klare Linie durch das dicht bebaute Zentrum.





Über Chicago: der Ausblick vom Willis Tower
Den weitesten Blick auf Chicago hatten wir vom Skydeck Chicago im 103. Stock des Willis Tower. Was unten das Bild bestimmt hatte – Straßen und Türme –, fügte sich von dort in ein wesentlich größeres Muster ein.
Am Boden kann ein nahes Haus beinahe das gesamte Blickfeld besetzen. Von oben wird dagegen seine Lage zwischen den umliegenden Häuserblöcken, dem Fluss und dem Seeufer klarer. Wenn diese Teile gemeinsam sichtbar sind, lässt sich der Maßstab Chicagos leichter begreifen.
Schon seit Jahrzehnten gehörte der Turm zu Chicagos Wahrzeichen. Bei seiner Eröffnung nach der Fertigstellung 1973 war er das höchste Gebäude der Welt. Kurz vor unserer Reise, 2009, wurde aus dem Namen Sears Tower der Name Willis Tower.
Gerade dieser Wechsel des Blickwinkels machte die Fahrt nach oben für uns wertvoll. Die einzelnen Wahrzeichen halfen nun bei der Orientierung im Stadtgefüge, und die Straßen zeichneten ein Muster, das weit über die Innenstadt hinausreichte. Am Michigansee erhielt das Panorama einen breiten, offenen Rand.
The Ledge: der Blick senkrecht nach unten
Mit The Ledge kommt zum Skydeck eine andere Blickrichtung hinzu. Die gläsernen Balkone ragen aus dem Gebäude heraus; durch ihren Boden können Besucher auf die darunterliegenden Straßen schauen.
Bei unserem Besuch 2010 gab es The Ledge bereits: Im Juli 2009 war es für die Öffentlichkeit geöffnet worden. Die Balkone liegen rund 1.353 Fuß – etwa 412 Meter – über der Straße. Ob man über die Stadt hinweg oder unmittelbar auf sie hinunterschaut, macht für das Höhengefühl einen großen Unterschied.







Der Michigansee im Abendlicht
Eine Besonderheit der Lage Chicagos ist der Wechsel zwischen Höhe und Weite. Nahe den Türmen zieht es den Blick nach oben, am Michigansee dagegen kann er zu einem viel weiter gespannten Horizont wandern. Der See gibt der Innenstadt damit eine bemerkenswert offene Begrenzung.
In dieser weiten Ansicht dient auch der ins Wasser ragende Navy Pier als Orientierungspunkt. Den Maßstab setzt jedoch der See selbst, dessen Fläche weit über Gebäude und Uferlinie hinausreicht.
Am Abend wirkt diese Umgebung weicher. Das Licht zeichnet die Gebäudeumrisse nach und verändert das Aussehen des Wassers. So bildet das Seeufer einen ruhigeren Abschluss unserer Chicago-Geschichte.
Was uns von Chicago geblieben ist
Am stärksten prägte unseren Chicago-Besuch, auf wie viele Arten wir die Stadt betrachten konnten. Ein Turm am Ende eines Straßenraums wurde in der LaSalle Street zum gerahmten Bild; Cloud Gate bog die Skyline in ein Spiegelbild. An der Crown Fountain rückten Gesichter nach vorn, während sich vom Skydeck über den Straßen das größere Muster erschloss.
Unsere Fotos und unser Film führen diese Ansichten zusammen. Jedes Wahrzeichen bleibt für sich in Erinnerung; die Form des Besuchs entsteht aber aus ihren Beziehungen zueinander: Architektur am Wasser, Kunst im Stadtraum und die offene Weite des Sees jenseits der Türme.
Fotos & Video: Eigene Aufnahmen von unserem Chicago-Besuch 2010 — Let’s Visit by Radon.





























